Sie geben Interviews. Oder sie werden welche geben. Weil Sie in eine Position kommen, wo Sie das müssen. Vielleicht regelmäßig, weil Sie Wahlkampf machen, vielleicht nur selten, weil sie ein Unternehmen repräsentieren. Aus schönen Anlässen, weil Sie sich vergrößern oder an die Börse gehen. Oder aus einem hässlichen, weil die Zahlen nicht stimmen, oder ein Unfall vorkam. Darauf wollen Sie vorbereitet sein. Sie wollen nicht kalt überrascht werden. Und Streßsysmptomen wollen Sie nicht erliegen.
Kennen Sie welche? Ich kenne diese Stresssymptome aus eigener Erfahrung: Amnesie: Man verliert das Gedächtnis. Oder man glaubt es zu verlieren. Man fürchtet, dann, wenn es drauf ankommt, nicht mehr zu wissen, was man weiß oder nicht die richtigen Worte dafür zu finden. Man weiß zwar, was man zu sagen hätte, davor und danach, aber nicht währenddessen. Physische Symptome: Frosch im Hals. Schlucken. Räuspern. Äähh. Der Hals schnürt sich zu. Das Lungenvolumen reicht nicht. Man möchte japsen. Knie werden weich. Man fühlt seine Füße nicht mehr. Schweiß: Auf der Stirn, an den Handinnenflächen. Wenigstens die Füße sind durch Schuhe geschützt. Zuckungen: vielleicht der Augenbrauen, der Augenlider oder der Finger. Übersprungshandlungen: Finger tasten nach anderen Fingern, nach Knöpfen, Stiften, Brillen. Der Blick wird stier, die Stimme besonders fest, der Ausdruck streng, die Formulierungen förmlich, die Sätze länger. Substantivierungen und Passiv-Konstruktionen ersetzen einfache S.P.O.-Sätze. Die Phrasen sind nicht mehr durchzudeklinieren. Die Gedanken verlieren ihr Ziel. Die Argumente verirren sich.
Man muss ja nicht gleich alle Symptome auf einmal haben. Ein paar davon sind schon scheußlich genug, um die entscheidende Situation zu verpatzen. Und das alles ist menschlich. Was einem aber deswegen auch keiner verzeiht. Man selbst wird es sich nicht verzeihen. All das ahnt man voraus. Sowas kann einem den Schlaf rauben oder wenigstens die Vorfreude vermiesen. Die Vorfreude auf das Interview. Sie erinnern sich? Das Thema ist ja nur: das Interview. Sie sollen es geben, wenn Sie das wollen und es genießen können. Davor, danach und währenddessen genießen.
Der Stress des Interviewpartners hat gute Gründe in der Natur des Menschen. Das Tier im Mensch weiß, dass es alleine nie überleben kann, sondern nur im Rudel. Soziale Akzeptanz ist ein existentielles Grundbedürfnis. Deswegen sitzt die Angst davor, ausgestoßen zu werden, auch so tief und äußert sich in den beschriebenen körperlichen Symptomen. Wer auch nur für ein Spartenprogramm, wie einen Nachrichtensender, ein Interview gibt, erreicht damit auf einen Schlag mehr Menschen, als er in seinem ganzen Leben persönlich sprechen wird. Hunderttausend Zuschauer sind nicht viel. Hundertausend Leuten auch nur die Hand zu geben, würde sehr lange dauern. Die Magie des Interviews liegt also schon in der einfachen Berechnung der technischen Multiplikation.
Das ist die Situation aus der Sicht des Interviewten. Wir Interviewer nennen ihn Interviewpartner, Experten, O-Ton-Geber, Opfer oder Pflegefall. Und so sieht die Situation aus der Sicht des Interviewers aus: Man braucht diesen O-Ton von diesem Experten. Experten sind Leute, denen man in einer Geschichte die Rolle des Experten gibt, ob sie das sind, oder nicht. Dem Experten unterstellt man, dass er weiß, worüber er redet und das wichtigste von seinem tiefen Wissen ganz oberflächlich, allgemeinverständlich, eindrücklich, anschaulich, bekömmlich und sofort verständlich darstellen kann. Der Experte sichert die Glaubwürdigkeit einer Geschichte.
Man ist also Interviewer und hat da diesen Experten oder diese Expertin vor sich. Der Experte weiß mehr von der Sache, als der Interviewer. Der hat sich das Thema vielleicht gerade erst angelesen. Wenn er dem ahnungslosen Zuschauer wenig voraus hat, ist das nicht unüblich und hat den Vorteil, dass er nichts voraussetzt und die gleichen unbefangenen offenen Fragen stellt, die der neugierige aber nicht weiter informierte Zuschauer auch stellen würde. Wozu soll man groß was lesen, wenn man doch gleich jemanden fragen kann.
Der Experte sollte sich also in der Sicherheit wiegen können, dass er von der Sache mehr weiß, als der Interviewer und deswegen auch keine Fragen fürchten muss, auf die ihm keine Antworten einfallen könnten. Man führt ein Vorgespräch mit den Experten, grenzt das Thema ein hält ihn bei Laune, während ihn ein Kameramann mit 800 Watt einleuchtet, eine Tonfrau mit einem Mikro verkabelt und die Maske sein Gesicht pudert, damit er nicht glänzt in dem grellen Licht. Dann stellt man die erste Frage und bekommt eine erste Antwort, deren erster Satz drei Minuten dauert, nach dem fünften Komma nicht mehr korrekt durchdekliniert wird und erklären soll, warum alles nicht einfach ist, die Gründe vielschichtig, die Methoden komplex und die Wahrheit ein Rätsel. Mit der Wahrheit hat aber niemand gerechnet. Eine Antwort hätte schon genügt. Jetzt muss der Patient also eine zweite Chance bekommen, einen guten ersten Eindruck zu machen. Damit das gelingt, versucht der Interviewer den Experten locker zu machen und faselt was von superinteressant, genau das richtige, aber leider ein technisches Problem, kuckt den Kameramann an, der nickt und „ja ja gleich“ sagt. Man scherzt über das Wetter, die Luft, das Licht, und grinst: „Könnten sie mir das noch mal ganz knapp und einfach.....?
Der ganze Stress ist nicht nötig. Es genügt, etwas einzusehen und etwas zu trainieren. Jeder kann reden. Jeder redet jeden Tag, telefoniert, konferiert. Jeder bestellt, besorgt, erklärt, verwehrt immerzu irgendwem irgendwas. Und jeder kann dabei geradeaus gucken und geradeaus reden. Ohne darüber nachzudenken. Es geht. Sehen Sie das bitte ein.
Noch eine Einsicht: Sie werden nicht geprüft, sondern nur interviewt. Wir sind damit aufgewachsen, von Lehrern, Professoren oder Vorgesetzten geprüft zu werden, die für sich in Anspruch nehmen, es besser zu wissen, vor denen wir bestehen müssen, weil sie die Macht haben, uns zu beurteilen. Schon bei Vorgesetzten ist der Wissensvorsprung nicht immer gegeben. Bei Kunden noch seltener und bei Journalisten so gut wie nie. Sie reden also mit Journalisten inhaltlich mindestens auf gleicher Augenhöhe. Ihre inhaltliche Überlegenheit sollte dazu führen, dass Sie sich entspannen.
Dann trainieren Sie noch etwas: Sehen Sie sich reden. Hören Sie sich zu. Lernen Sie sich kennen und mögen. Das passiert im Training mit einer Kamera und einem Coach. Er interviewt Sie über alles mögliche, worüber Sie gerne reden. Alltagsthemen, Interessen, Leidenschaften, Pleiten, Pech, Pannen. Dann schauen Sie sich gemeinsam an, wie Sie reden. Welche Gesten gut sind, welche Worte, Sätze, Bilder, Einfälle Sie stark aussehen lassen, sagt Ihnen Ihr Coach. Welche Momente Sie mochten und wann Sie sich unwohl gefühlt haben, sagen Sie ihrem Coach. Dann erkennt er, wie Sie aussehen, wenn Sie sich nicht wohl fühlen und sieht ihre Merkmale der Momente, wo es Ihnen gut geht.
Das Training ist positive Affirmation. Negative Hinweise auf unglückliche Gesten und Aussagen bleiben die Ausnahme. Die falschen Signale würden sich nur unnötig einprägen und verunsichern.
Vergleichen wir Interviews trainieren mit Sprachen trainieren. Wenn Sie eine Sprache lernen, wollen Sie erst mal die tausend wichtigsten Ausdrücke lernen mit deren rationaler, emotionaler oder sinnlicher Bedeutung, die Sie nachempfinden oder übersetzen. Sie lernen, was was bedeutet. Sie lernen nicht, was was nicht bedeutet. Sie stellen tausend richtige Verbindungen her. Wenn Ihre Muttersprache 100.000 Ausdrücke kennt und die fremde Sprache noch mal 100.000 Ausdrücke, dann wählen Sie die tausend interessantesten Verbindungen. Sie könnten auch 10 000 000 000 falsche Verbindungen herstellen und im Ausschlussverfahren definieren, dass „hose“ nicht „Hose“ heißt oder „eventually“ nicht „eventuel“. Das lassen Sie aber. Sie stellen nur die positiven Verbindungen her, die nützen. Anderer Vergleich: Wenn Sie Kampfsport lernen, wird Ihr Trainer Sie nicht mit einer Tracht Prügel taufen, damit sie gleich mal wissen, wie das ist, wenn man’s nicht kann. Wenn Sie Mitte dreißig glauben, Sie müssten jetzt noch snowboarden lernen, dann vielleicht nicht gleich vom kleinen Matterhorn, bloß, weil Sie da sonst so gerne mit Ski abfahren.
Aus diesen Gründen bin ich erst mal ganz nett, wenn ich Leute trainiere. Wenn die es gerne etwas härter hätten, bekommen sie das auch, aber erst später. Manche Trainer beginnen damit, Ihre Trainees mit harten Fragen vor den Kopf zu stoßen und unter heißen Lampen zu grillen. Die sollen schwitzen für’s Geld. Fortgeschrittenen bringt das was. Die schwitzen dann auch weniger und wehren sich freudig. Aber Unschuldige zu traumatisieren bringt nichts.
Reden lernen ist ein Prozess. Sie erinnern sich daran, in welchen Phasen Sie zuletzt eine Sprache, ein Musikinstrument oder eine sportliche Disziplin gelernt haben. Das dauert. Wissen einprägen, es üben, sich setzen lassen und dann abrufen sind Phasen, die Intervalle brauchen.
Dann gibt es da noch ein paar Verhaltensweisen, die man nicht nur freilegt, sondern dazulernt. Autogenes Training gegen Stress. Diskrete Körperliche Übungen zur Soforthilfe im Ernstfall. Formulierungen, um sich aus unangenehmen Situationen herauszuziehen. Das Lächeln der Mona Lisa. Die Antworten eines Waffenhändlers. Antworten, die Schweigen überbrücken. Freundliche Weisen, nichts zu sagen. Die Blickrichtung. Die Kopfbewegung. Gesten der Hände in der Nähe des Gesichts. Dinge, wie Puder, die sein müssen, weil das Auge der Kamera Reflexe, Kontraste, Grauschattierungen und Farben anders sieht, als das Auge des Menschen. Der Ausschnitt der Kamera ist auch anders, als der Horizont des menschlichen Auges. Oder gucken Sie schon im Rechteck?
Der selbständige Fernsehjournalist Georg Holzach, 38, hat 12 Sendungen in 14 TV-Programmen moderiert: Nachrichten, Boulevard, Börse, Bank, Wissenschaft. Talk und Magazine. Er trainiert Manager, Politiker und moderiert Corporate Events.
Coaching: der Ablauf
- Zuhören
- Welche Interviews wollen Sie geben?
- Welche haben Sie schon gegeben?
- Waren Sie zufrieden?
- Welche Stresssymptome hatten Sie?
- War der Interviewer zufrieden?
- Welche Stresssymptome hatte er oder sie?
- Haben Sie
- geredet, wie sonst auch?
- eine andere Sprache gesprochen?
- eine andere Sprache gesucht?
- Ihre Sprache gefunden?
- die Sprache des Interviewers gefunden?
- ihre Gesten bemerkt?
- gewusst, wohin mit Ihren Händen?
- gewusst, was Sie sagen sollten?
- gewusst, was Sie sagen wollten?
- Argumente gewusst?
- Antworten getimed?
Geplänkel
Wir reden nett über harmloses, offensichtliches, persönliches.
Kleine Provokationen. Kleine Lacher.
Geplänkel angucken Wohlgefühlt? Störte was? Was war der netteste Moment? Wie sehen Sie dabei aus? Wie schauen Sie dabei drein? Was macht Ihre Mimik, Ihre Gestik, wenn es Ihnen gut geht? Welche Worte wählen Sie? Wie bauen Sie Sätze? Wie lang ist der Spannungsbogen einer Antwort? Wir stellen fest, dass Sie gut sind, gut reden und gut aussehen. Das sollen Sie wissen. Sie sollen es sich merken. Und Sie sollen sich immer daran erinnern können, dass Sie gut reden und gut aussehen können, wenn Sie sich sicher fühlen. Dann brauchen wir später nur üben, wie Sie subjektiv Sicherheit finden. Und Sie werden mit einem subjektiven Wohlbefinden immer das sichere Wissen verbinden, dass Sie auch objektiv gut reden und gut aussehen. Denn Sie haben es gesehen. Sie haben gesehen, wie gut Sie sind.
- Hartes Interview zu allgemeinen Themen, wie:
- Wer ist besser: Merkel oder Stoiber?
- Was ist gefährlicher: Alkohol oder Marihuana?
- Sextalk im Fernsehen: Befreiung oder Bedrohung?
- Gewalt im Kino: Fatales Vorbild oder Katharsis?
- Kirchensteuer: Eine Pflicht für Gläubige oder Missbrauch der Staatsgewalt?
- Dumme deutsche Schüler: Sind Eltern oder Lehrer schuld?
- Scheidungsrecht: Zocken faule Mütter ihre Männer ab?
- Was immer Sie argumentieren: Ich rede dagegen.
Hartes Interview angucken: Wo sind Sie sicher? Wo nicht? Was machen Sie dann? Wie reden Sie dann? Wie bewegen Sie sich? Wie schauen Sie drein? Wir entwickeln komfortable Alternativen. Nochmehr geniessen wir die gelungenen Reaktionen. Sie sollen sie sich merken, damit Sie später immer wissen, wie gut Sie es können. Die Erinnerung an Erfolg macht stark.
- Hartes Interview zu eigenen Themen, wie zum Beispiel:
- Wie machen Sie ihren Job?
- Wie gut geht es Ihrer Firma, Ihrem Konzern?
- Soll ich Ihre Aktien kaufen?
Interview angucken:
Haben Sie alle Argumente auf Lager? Wissen Sie Antworten, auch wenn es keine geben kann? Bleiben Sie bei Ihrer Sicht der Dinge. Nehmen Sie Worte gar nicht erst in den Mund, die darstellen würden, was Sie nicht darstellen wollen. Auch Verneinungen des Ungeliebten betonen das Ungeliebte. Sprechen Sie nur Ihre Worte, die Ihre Sicht beschreiben. Nutzen Sie die Fragen, um Ihr Thema unterzubringen. Entscheiden Sie immer selbst, was das Thema sein soll. Steuern Sie den Interviewer in Ihre Richtung. Bleiben Sie unvollständig. Lassen Sie Fragen offen. Dann kommen vielleicht die Fragen, die Sie hören wollen. Warnung: Jeder Satz könnte aus dem Zusammenhang gerissen zitiert werden.
- Hartes Interview zu fiktiven Standpunkten, wie:
- Sie sind internationaler Waffenhändler. Ein Job wie jeder andere. Verteidigen sie’s.
- Palästinenser sollten Israel ihr Territorium überlassen und in einer anderen Wüste unter arabischen Brüdern friedlich weiterleben. Verargumentieren Sie’s.
- Israel sollte die arabische Welt verlassen und seinen Staat woanders neu gründen, wo das Wetter besser ist, kühler zum Beispiel. Verkaufen Sie’s.
- Frauenquoten in Vorständen: 30% in 2003, 50% in 2005. und 2010?
Fiktives Interview anschauen:
Wie gefallen Sie sich, wenn Sie ein x für ein u verkaufen? Es geht nicht um Eitelkeit, sondern um Sicherheit. Sie sollen Sich gefallen, wenn Sie sich anschauen, damit Sie sich auch dann gefallen, wenn Sie sich nicht anschauen können. Denn Sie sollen, wenn’s drauf ankommt, nicht neben sich stehen, sondern in sich ruhen. Sie sollen sich beim Training kontrollieren. Sonst nie. Blos nicht. Die Übung, ein x für ein u zu verkaufen macht deutlich: Sie können dem Papst ein Doppelbett verkaufen, wenn Sie sich nur selbst davon überzeugen, dass er eins braucht. Sie können erstaunliches darstellen, wenn Sie es schlüssig und sicher darbieten. Bei den meissten Themen Ihrer Interviews werden Sie mehr wissen, als der Interviewer, weil Sie sich täglich damit beschäftigen und Sie deswegen auch als Experte befragt werden. Diesen Vorsprung können Sie nutzen, wenn Sie ihn haben. Wenn Sie den Vorsprung an Wissen nicht halten können, hüten Sie sich vor nachvollziehbaren Falschdarstellungen. Die Welt will gut belogen werden, oder gar nicht. Wer sich beim Lügen erwischen lässt, wird bitter bestraft.
Am wirksamsten sind die eigenen natürlichen, im Alltag erprobten Fähigkeiten, die wir im Training sichtbar machen und neu verankern. Dann gibt es noch Hilfen zur Stressbewältigung und Tricks in Bezug auf die Fernsehtechnik und den Schnitt.
Stressbewältigung.
Werden Sie sich ihrer physischen Existenz gewahr. Spüren Sie sich. Reiben Sie heimlich Fingerspitzen und Daumen aneinander. Stellen Sie sich auf Ihre Fersen, dann auf den Ballen, auf die linke Kante der Füße, auf die rechte. Befeuchten Sie ihre Nasenlöcher und fühlen Sie ihren kühlen Atem. Massieren Sie im Sitzen mit dem Mittelfinger den Akkupressurpunkt in der Kuhle aussen an ihrem Knie. Massieren Sie mit dem Daumen den Akkupressurpunkt an der Unterseite Ihres Kinns.
Tricks in Bezug auf Fernsehtechnik
Akzeptieren Sie Puder im Gesicht. Sonst glänzen Sie wie ein Fisch. Und die Zuschauer sehen den Glühdraht der Lampen auf dem Spiegel Ihrer Stirn.
Sitzen Sie gerade. Die Jacke Ihres Anzug sollte auf der Höhe Ihres Bauchnabels fast geschlossen sein. Wenn Sie sich bequem zurücklehnen, wird sich ihr Bauch nach vorne wölben und der Schlips seitlich runterrutschen.
Zeigen Sie Hals. Brust raus. Schultern runter. Die Schulterpolster ihres Anzugs sollten auf den Schultern sitzen und nicht nach oben unter Ihre Ohren rutschen.
Tragen Sie nicht schwarz, weiß, knallrot, schmale Streifen, Kleinkariertes oder Hahnentritt. Schwarz säuft ab. Das heißt, die Kamera erfasst keine Struktur, keine Oberfläche, sondern sieht nur ein schwarzes Loch. Weiß knallt raus. Es reflektiert das Licht so stark, dass der Stoff nicht zeichnet, sondern leuchtet. Knallrot kann sich über Satellit in elektronisch flimmerndes rot verwandeln. Kleine Muster wie Streifen, Karos, Hahnentritt kann die Kamera nicht unterscheiden und zeigt ein changierendes Flimmern. Das muss nicht immer ein Problem sein. Aber man kann es vermeiden. Fernsehtauglich sind Farben und Muster, die man sonst oft langweilig oder gar hässlich findet: Mittelgrau, gedeckte Farben, mittelgroße Muster.
Gucken Sie geradeaus. Gucken Sie nicht in der Gegend rum, wenn Sie reden. Die Versuchung ist groß. Wenn Gedanken ihren Weg suchen, wandert der Blick. Das ist natürlich. Unnatürlich ist: Sie sind im Fernsehen, möglicherweise kopfgroß. Und da wirken kleine Bewegungen größer. Auffallende Bewegungen der Augen wirken unsicher, auch wenn Sie sich sicher fühlen. Sie brauchen dem Interviewer nicht in die Augen zu starren. Lassen Sie ihren Blick auf seinem Gesicht wandern, über sein Brillengestell bis zur Schulter. Aber nicht weiter nach aussen. Auf keinen Fall zu Personen oder Gegenständen im Studio oder am Set.
Bieten Sie kurze Sätze für schnelle Schnitte. Regisseure müssen oft umschneiden und wechselnde Bilder zeigen. Schnell wechselnde Fragen und Antworten helfen dabei. Der Grund ist technisch: Der Fernseher ist ein kleiner Kasten und bietet immer nur ein Bild, nicht etwa mehrere gleichzeitig. Unser Auge springt aber immer in unserer Umgebung umher, fokussiert dies und das, womit wir uns im Geiste ein großes Bild mit vielen Einzelheiten zusammensetzen. Wenn Scheuklappen oder kleine Brillen unsere Sicht einschränken, wird uns unwohl. Wenn das Fernsehbild unseren Blick länger auf eine Perspektive einschränkt, fühlen wir uns auch nicht wohl. Deswegen wollen wir im Fernsehen schnelle Schnitte sehen, die mehr Überblick und gleichzeitig mehr Details zeigen. Lange Reden machen das schwierig. Schnell getaktete Frage- und Antwortspiele machen das leichter.
Sie können das bieten, denn Sie haben die Gewohnheit zu telefonieren. Das Telefon schränkt unser „Bild“ des Gegenübers auch ein, denn wir können ihn nicht sehen. Während wir beim persönlichen Gespräch an Mimik und Gestik des anderen erkennen, ob er noch zuhört, müssen wir am Telefon immer mal die Luft anhalten und hören, ob der andere überhaupt noch da ist. Der sagt dann immer mhm, aha, was er im persönlichen Gespräch auch nicht tun würde. Aber am Telefon gibt er dadurch Gegenwart und Interesse zu erkennen. So sind wir durch das Telefonieren gewöhnt, in kurzem Takt zu sprechen. Und diese Gewohnheit übertragen Sie auf das Fernsehinterview. Dann stimmt der Rhythmus.
Seien Sie natürlich. Dieser Tipp ist unfair. Zuerst erkläre ich lauter unnatürliche Einzelheiten einer unnatürlichen Situation. Ich rate Ihnen, unnatürlich gerade zu sitzen, unnatürlich geradeaus zu schauen und unnatürlich kurz angebunden zu sein. Und dann sollen Sie aber bitte noch ganz natürlich drein schauen. Natürlich. Ist doch klar. Dafür machen wir ja dieses Training. Es gibt Ihnen Zeit, ein paar Kleinigkeiten zu verinnerlichen, damit Sie sich darauf verlassen können, wenn es drauf ankommt.