Dozent Berufsakademie Ravensburg
Medientraining für 20 Studenten in zwei Tagen, 2002-2006
Auftraggeber: Professor Dr. Joseph P. Benzinger, Berufsakademie Ravensburg, 0751-18999-2790
Theoretische Einführung:
Moderation erscheint interessant. Denn Moderatoren sind angesehene Leute. Ein paar tausend Zuschauer sehen sie immer an, vielleicht auch ein paar hundert tausend, je nachdem, welcher Sender das ist. Dafür werden Moderatoren bewundert. Die Bewunderung hat noch einen Grund. Zuschauer projizieren ihre Wünsche in die Wunderwelt des Fernsehens und bilden sich ein, dass dort das wahre Leben stattfindet. Und wer im in diesem Fernsehleben mitmacht, der lebt so was wie ein Leben hoch zwei. Das ist eine Illusion. Und die ist mächtig. Wer im Fernsehen bekannt wird, bildet ein Image. Das ist eine zweite Identität. Sie lebt in der Vorstellung der Zuschauer. Wer bekannt ist und Zuschauern begegnet, erlebt einen Zwiespalt: Den Zwiespalt zwischen dem was man selber ist und dem, was Zuschauer von einem erwarten. Wer das kapiert, kann damit leben. Wer das nicht kapiert, läuft Gefahr, sich für das Wunder zu halten, das Zuschauer sich unter dem Image vorstellen. Diese Verwirrung ist krank und albern. Deswegen sollte man sich vorher klar machen: Der Moderatoren-Job hat sehr wenig mit dem zu tun, was man sich als Zuschauer darunter vorstellt. Fernsehen machen ist nicht so wie Fernsehen gucken. Porsche fahren ist auch was anderes, als Porsche zusammenschrauben, im Werk in Sindelfingen.
Der Moderator, womit ich im folgenden auch Moderatorinnen meine, logisch, wird dafür bezahlt, das Interesse seines Publikums an den Sender zu binden. Dabei unterwirft er sich den Zielen des Senders oder der Sendung, die er moderiert.
Es gibt Spartensender und Vollprogramme. Vollprogramme sind ARD, ZDF, Prosieben, RTL, Sat1, 3sat. Spartenprogramme sind n-tv, n24, arte, DSF, HOT, 9live. Vollprogramme wollen Mehrheiten erreichen. Sparten wollen Minderheiten erreichen, von denen dann aber auch möglichst große. Der Moderator eines Nachrichtensenders ist seinem Publikum wahrscheinlich sehr ähnlich. Bildung, Interessen, Aufmerksamkeit, Intelligenz von Moderator und Zuschauer liegen da relativ nah beieinander. Der Moderator von einem Vollprogramm, der mehr und damit verschiedene Menschen erreichen will, kann sich nicht darauf verlassen, dass die alle so aufmerksam, intelligent, gebildet und interessiert sind, wie er selbst.
Programme haben unterschiedliche Arten von Sendungen, zu denen unterschiedliche Arten von Moderation gehören: Nachrichten, Magazin, Talkshow, Spielshow, Musikshow, Video-Jockey, Quiz, Sport, Gala und ihre Mischformen. Alle Moderatoren müssen ihr Publikum erreichen. Börsenreporter müssen die Börsenjunkies erreichen, Nachrichten die politisch Interessierten, Sportmoderatoren die Fußballfans, Köche die Hausfrauen, VJs die musikgeilen Kids. Je mehr sie ihrem speziellen Publikum selber ähneln, desto einfacher ist das.
Weil der Moderator von einem Vollprogramm aber Mehrheiten finden muss unter Menschen, die nicht alle so sind, wie er selbst, muss er sich und seine Sache für die vielen verschiedenen Zuschauer anders präsentieren, als für seinesgleichen. Er braucht einen gemeinsamen Nenner. Und den muss er ausbauen zu einer Figur, die eine Grätsche schafft. Die Grätsche zwischen Allgemeinverträglichkeit und Authentizität. Der perfekt geklonte Durchschnittsmoderator hätte wahrscheinlich zu wenig Leben, zu wenig echtes, persönliches und glaubwürdiges. Also findet jeder Moderator in seiner Präsentation irgendwo eine Mitte zwischen dem, was er ist, und dem, was er allen anderen zu sein unterstellt.
Dabei hilft Umgangssprache. Die Sprache, die wir jeden Tag miteinander sprechen, ist effizient. Wir teilen einander möglichst viel, möglichst genau, mit möglichst wenig Aufwand mit. Umgangssprache ist transparent. Durch sie erkennt man sofort den Inhalt. Andere Sprachen sind nicht transparent, sowie die Fachsprachen von Ärzten, Juristen, Geisteswissenschaftlern zum Beispiel. Diese Sprachen verkleiden den Inhalt, erhöhen ihn, verbergen ihn vor fremdem Zugriff. Das schafft Distanz, Sicherheit, Erhabenheit. Diese Distanz mag in vielen Geschäftsbereichen nützlich sein, Im Fernsehen ist sie tödlich. Mit der Distanzierung verliert man die Zuschauer und dann seinen Job. Also prüft man jedes Wort, jeden Ausdruck, jede Redewendung, ob sie einfach, klar, deutlich, wirksam ist. Oder man prüft nicht jedes Wort, sondern redet einfach Umgangssprache. Dann ist man schon nahe dran. Es sei denn man spricht Dialekt. Dann ist die eigene Umgangssprache nicht die der Mehrheit. Dann muss man die Umgangssprache der Mehrheit erst mal lernen. Dieser Hinweis betrifft die Sprache, der nächste den Inhalt.
Holen Sie die Leute da ab, wo sie sind. Die sind zuhause oder im Büro, starren in den Fernseher, zappen rum, oder lassen ihn nebenher laufen, während sie was anderes tun. Also ist jede Moderation eine Angel, die der Moderator ins Publikum wirft. Jede Aussage ist ein Angelhaken, der beim Zuschauer einhakt oder abrutscht. Mit seiner Präsentation zieht der Moderator den Zuschauer rein, sowie man eine Angel langsam reinzieht, damit der Fisch kommt und nicht abreißt. Deswegen beginnen Moderationen oft mit so banalen Gemeinplätzen, wie: "Würden wir nicht alle gerne ohne Grippe durch den Winter kommen ... und ... aber ... undaberjetzt."
Jetzt noch etwas Grammatik. Denn zumindest der Nachrichtenmoderator liest jeden Tag Agenturmeldungen, die so geschrieben sind, wie man sie nicht vorlesen kann. Agenturredakteure dürfen sich keine Fehler leisten und drücken sich deshalb gerne wage aus, damit sie nicht zuviel und damit nichts falsches sagen. Meine Lieblingsformulierung ist: "Es kam zu Ausschreitungen." Der Satz sagt nichts. Aber er lässt ahnen, dass Demonstranten Steine auf Polizisten geworfen haben und Polizisten mit Wasser auf Demonstranten geschossen haben. Vielleicht haben sie auch welche weggetragen. "Geräumt" heißt das dann. "Ausschreitung" ist eine Substantivierung. Aber auch das Verb "ausschreiten" sagt uns nicht viel. Wer "schreitet" denn da? Und wohin schreitet er "aus"? Die Wendung "es kam zu" sagt auch nicht viel. Wer kam da wohin? Es passierte halt irgendwas. Was, wird aber nicht gesagt. Wenn wir vor dem geistigen Auge des Zuschauers ein lebendiges Bild entstehen lassen wollen, das ihn interessiert, formulieren wir am besten S.P.O.-Sätze. Sätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt. Und zwar in dieser Reihenfolge, und nicht andersherum. Hier entspricht die Reihenfolge im Satz der Reihenfolge des Geschehens: Mann beißt Hund. Zuerst der Mann, denn von ihm geht die Aktion aus. Dann "beißen", denn das tut er. Und danach "Hund", denn der merkt als letzter, was ihm passiert. "Der Hund wird vom Mann gebissen" ist ein Passiv-Formulierung. Sie ist auch verständlich, aber nicht das, was wir spontan rufen würden, wenn wir das auf der Straße zufällig sähen "Hey, der Mann da beißt ja den armen kleinen Hund!" Der hinzugerufene Polizeibeamte würde dann amtlich zu Protokoll geben: "Der Biß des Hundes durch den Mann vollzog sich gegen 14 Uhr in der Ulmenstraße vor dem Haus Nr. 14." Prickelnd. Eine Substantivierung und Passivformulierung gleichzeitig. Niemand würde spontan so sprechen. Und niemand hätte Lust zuzuhören, wenn so eine Formulierung gerade aus dem Fernseher bröckelt. Also ist der Nachrichten-Moderator oft damit beschäftigt, Substantivierungen und Passiv-Formulierungen in flüssige Sätze zurückzuverwandeln, so wie es dem Ablauf des Geschehens auch eher entspricht.
Das sind ein paar allgemeine Hinweise, aus denen Sie machen, was sie wollen. Am Ende entscheidet immer Ihr eigenes Gefühl, wie Sie einen Text am besten rüberbringen.
Jetzt werden wir üben.
Zur Beurteilung. Wenn man etwas vorträgt, gibt man sich eine Blöße, macht sich angreifbar und hat deswegen Lampenfieber. Das ist normal. Ich will, dass wir dann auch über Ihre Moderationen sprechen. Das wird aber keine Kritik sein und schon gar keine Beurteilung. Sie würden sowieso von 5 Kollegen 6 Meinungen hören. Alles kann man hochjubeln oder runtermachen. Je nachdem, wie man selber drauf ist, worauf man Lust hat und wen man mag. Das bringt nichts. Was was bringt, sind positive Bestätigungen dessen, was gut funktioniert und positive Anregungen, wie man was besser oder netter machen kann. Negative Hinweise auf Fehler schärfen das Bewusstsein für die Fehler aber nicht für die Lösungen. Das macht nervös, unsicher und lenkt den Blick ab von der Idee, die man gerne rüberbringen will und auf die man sich dafür auch konzentrieren soll. Wenn Sie Bergsteigen, gucken Sie nach oben, nicht nach unten. Ihr Blick sucht Punkte zum Festhalten, nicht aber den Abgrund.
Maßgeblich für die Kommentare sind die Fragen: War mir langweilig? War es interessant? War es amüsant? Habe ich was erfahren? Habe ich was kapiert? Glaube ich, dass ich was verstanden habe? War die Information glaubwürdig? Nützt sie mir?
Ausblick:
Was kann ich tun, wenn ich moderieren will? Wie finde ich Jobs? Acquise. Ist Moderation ein Job oder ein Beruf? Kann man sich drauf verlassen? Mit welchen anderen Jobs, Fähigkeiten, Aufgaben sollte man Moderation kombinieren, damit daraus ein einigermaßen kontinuierliches und kohärentes Berufsleben wird.
Animation:
- Wer hat schon mal moderiert?
- Wer will moderieren?
- Wer hat schon mal ein Interview gegeben?
- Aufgeregt, cool, klar, verhaspelt, sich dabei gemocht?
Übung vor der Kamera:
Ich teile fertige Moderationen aus. Die Studenten tragen sie vor. Andere Studenten geben sie spontan wieder. Die Studenten stehen nach einander auf zwei Positionen A und B. Student A trägt seine Meldung vor. Student B gibt sie spontan wieder. Student A rückt auf Position B. Ein neuer Student rückt auf Postion A. Zweck: Die Studenten lernen auf Postion A, entspannt vorzutragen. Auf Postion B lernen sie, wie mühsam es ist, Moderationen überhaupt zu so verstehen, dass man sie auch einigermaßen wiedergeben kann. Sie lernen spontan kurze Statements abzugeben. Danach schauen alle das Tape mit den Moderationen an und sprechen darüber. Wie sah es aus? Wie habe ich mich dabei gefühlt? Wie unterscheidet sich die subjektive Selbstwahrnehmung im Moment von der Ansicht danach?
Ich teile Meldungen von Nachrichtenagenturen aus. Die Studenten bekommen 10 Minuten Zeit, um sie umzuschreiben. Dann tragen sie sie vor. Wieder das Spiel mit den 2 Positionen, Anschauen, Besprechen.
Die Studenten üben in 4er Gruppen Talksituationen mit 1 Moderator, 2 Reporter, 1 Experte. Die Phantasiethemen sind angelehnt an die Realität. Funktionen/innen sind m/f gemeint. Die Reporter wären per Leitung zugeschaltet und in einem Fenster sichtbar. Der Moderator interviewt sie direkt. Die anderen Experten wären im Studio. Sie können sich auch gegenseitig ins Wort fallen. Ein Thema wird 5 Minuten lang behandelt.
Meine Themenvorschläge:
Wie den Nahostkonflikt lösen?
- 1 Nachrichtenmoderator
- 1 Reporter in Washington sagt, was Bush verkündet hat.
- 1 Reporter in Ramalla beschreibt, wie Israelis vorgehen.
- 1 Experte beschreibt, wie eine politische oder Militärische Lösung möglich sein könnte.
Russische Entführer sind mit Geiseln aus einer norddeutschen Sparkasse unterwegs von Hamburg gen Osten.
- 1 Nachrichtenmoderator
- 1 Reporter in dem Kaff vor der Sparkasse mit Nachbarin von Geisel
- 1 Reporter an einer Autobahn nach Osten.
Bundesratspräsident Wowereit hat im Bundesrat die Stimme des Ministerpräsidenten von Brandenburg, Stolpe, SPD, als Stimme seines Landes für das Zuwanderungsgesetz gewertet, obwohl sein CDU Innenminister Schönbohm dagegen war.
- 1 Nachrichtenmoderator
- 1 SPD Politiker
- 1 CDU oder CSU Politiker
- 1 Verfassungsrechtler
Die EU will jede Werbung für Zigaretten in jedem Medium in ganz Europa verbieten. Deutschland ist in der EU dagegen.
- 1 Nachrichtenmoderator
- 1 Grüner Politiker für das Verbot
- 1 CDU Politiker gegen das Verbot
- 1 Zeitungsverleger
Ein Bundesgesetz soll Sex-Talk als verbale Pornografie werten und alle derartigen Talkshows am Nachmittag und Abend vor 23 Uhr verbieten.
- 1 Nachrichtenmoderator
- 1 Kirchenvertreter für das Verbot
- 1 Fernseh-Chefredakteur gegen das Verbot
- 1 Psychologe aus dem Bravo Dr. Sommer Team
Murdoch kauft die Mehrheit von Premiere und bietet einen 24-Stunden-Softporno-Kanal unverschlüsselt an.
- 1 Nachrichtenmoderator
- 1 Chefredakteur von Premiere
- 1 Psychologe von Profamilia
- 1 Pornostar
Berlusconi kauft die Mehrheit von DSF und wandelt ihn Viva Italia um, einen Tourismuskanal für Reisen nach Italien, wo auch viel schönes von italienischen Politikern berichtet wird, die in Italien und in Europa mitregieren.
- 1 Nachrichtenmoderator
- 1 Chefredakteur von Viva Italia
- 1 Politiker dagegen
- 1 ARD Chefredakteur
Kirch kann die Fußballrechte nicht mehr bezahlen. Den Vereinen fehlt Geld. Der Bund bürgt für Kredite an die Vereine.
- 1 Nachrichtenmoderator
- 1 Fußballvereinspräsident
- 1 Sportlehrer
- 1 Vertreter vom Bund der Steuerzahler
Diese Vorschläge sind meißtens langweilig, gegen das, was die Studenten sich selber an absurden Themen ausdenken. Die Talksituation soll Spaß machen. Die Studenten sollen lachen dabei. So verlieren sie ihre Angst und finden zu ihrer natürlichen Sprache.
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